Cheeky Chimps

Cheeky Chimps

Wir verlassen die Küste und tauschen das Boot wieder gegen den Landy. Über Arusha, Singida und Tabora geht es Richtung Westen und die Landschaft wird zunehmend grüner. In Kigoma biegen wir auf eine rote Lehmpiste, deren Zustand uns hoffen lässt, dass El Niño noch ein bisschen auf sich warten lässt. Sie führt uns über 200 hügelige Kilometer entlang des Tanganyikasees bis in die abgelegenen Mahale Mountains.

Der 1.613 km² große Mahale Mountains Nationalpark beherbergt eines der letzten großen Regenwaldgebiete am Tanganyikasee. Und wir sind uns ziemlich sicher: es ist das Schönste! Bei weißen Sandstränden, dem kristallklaren Tanganyikasee und immergrünem Regenwald machen die Augen „Bling Bling“ und das Herz gleich mit.
Die unumstrittenen Stars von Mahale sind allerdings andere: Schimpansen! Gut zehn verschiedene Communities bevölkern die steilen Berghänge der Mahale Mountains. Seit den 60er-Jahren wird hier ihr Sozialverhalten erforscht, insbesondere das der habituierten M-Gruppe, die derzeit knapp 70 Individuen umfasst. Also schnüren wir die Wanderboots und trekken los …

Schimpansentrekkings bieten keine garantierten Sichtungen, denn Schimpansen sind echte Sportskanonen. Bis zu zehn Kilometer legen die Tiere täglich zurück und rennen die steilen Berghänge im Affenzahn rauf und wieder runter. So ist es immer auch eine Frage des Timings, sie während ihrer Ruhephasen zu erwischen. Denn immerhin: nach jeder Mahlzeit wird ausgiebig genappt. Sehr sympathisch :-).

Unseren Besuch in Mahale haben wir sorgfältig getimed. In der Trockenzeit halten sich die Tiere normalerweise in den tieferen Gefilden der Berge, nahe dem Seeufer, auf. So weit die Theorie. Aber was schert sich die M-Gruppe um unsere Planung? Die Früchte in der Nähe des Nkungwe Peaks, dem höchsten Berg Mahales, sind gerade reif. Also beschließen die Chimps, sich auf rund 2.400 Metern Höhe aufzuhalten. Da muss Homo sapiens allerdings erst einmal hin! Fast 2.000 Höhenmeter kraxeln wir vom Seeufer aus die Berghänge hinauf. Gefühlt durchgehend 10 Prozent Steigung, die Luft zum Schneiden und die Waden kurz vorm Explodieren. Vorneweg Ranger Raymond mit Machete, denn Wege gibt es hier oben keine mehr. Alles „Twende Twende!“ (Schnell, schnell!) versteht sich, um nicht wieder von einem heimtückischen Richtungswechsel der Tiere überrascht zu werden.Aber wann immer wir im Stechschritt gen Osten hechten, brüllen die Tiere schon wieder von Westen. Fast fühlen wir uns verarscht. Cheeky Chimps! Nach  zehn Stunden, um etliche Liter Schweiß ärmer und ein paar Gummibeine reicher, geben wir auf. Die Chimps haben gewonnen. Haus- bzw. berghoch. Das Geschrei der Tiere, das wir auch bergab noch hören, könnte man als höhnisches Gelächter interpretieren.

Neuer Tag, neues Trekking, neues Glück! Nur wie um alles in der Welt sollen wir mit diesen Waden die Berge hochkommen? Irgendwie geht‘s dann doch. Und diesmal ist das Timing auf unserer Seite. Wir erwischen die Chimps bei der Frühstückssiesta, sind umzingelt und sitzen plötzlich mitten in einer Schimpansenfamilie. Es ist krass, wie nah man den Tieren kommt. Mächtig was los in der Gruppe und da Lena geschubst, Tobis Rucksack inspiziert und Raymond mit Stöckchen beworfen wird, könnte man meinen, wir gehören zur Familie ;-). Dass Schimpansen unsere nächsten Verwandten sind (wir teilen über 98 Prozent unseres Erbmaterials mit den Tieren), wird dabei an jedem Blick, jeder Handbewegung und jeder Yogapose deutlich.

Mahale ist ein Abenteuer. Das liegt an der Einsamkeit und Abgeschiedenheit, der Geräuschkulisse im Regenwald und dem unwegsamen Gelände. Eines, das mit der langen Anreise per Auto und Boot beginnt und mit Schimpansen endet, die bestimmen, wo es langgeht. Nach vier Tagen und drei Trekkings sitzen wir am Tanganyikasee, Füße im Sand, Blick auf die grünen Berge. Die Waden protestieren immer noch, aber das Grinsen im Gesicht bleibt.Und die Chimps? Sitzen vermutlich längst wieder auf 2.400 Metern, mampfen genüsslich Früchte und lachen sich über uns kaputt.

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